Die Vierte Gewalt im Digitalisierungsstress
Wie hat sich die Rolle der Medien im digitalen Zeitalter verändert? Ist aufgrund des neuerlichen Strukturwandels der Öffentlichkeit die Meinungsfreiheit in Gefahr? Fragen wie diese wurden zuletzt vermehrt diskutiert. Wohl nicht ohne Grund.
Demokratie kann man sich als kontinuierlichen
Kommunikationsprozess vorstellen, die Medien bieten eine Plattform hierfür.
Schon deshalb gehören sie (wie Parteien oder die Justiz) für den Politologen
Jan Werner Müller zur kritischen Infrastruktur der Demokratie. Zumal es ohne
Kritik keine Besserung der Verhältnisse gibt, wie der Publizist Armin Thurnher
festhält. Und ohne Medien keine öffentlich wahrnehmbare Kritik.
In der Politik war immer schon die Macht des Wortes
ausschlaggebend. Dem Historiker Herfried Münkler zufolge war die Demokratie zu
Beginn eine rein bürgerliche Veranstaltung. Die Leute mussten lesen können, um
den demokratischen Prozess mitverfolgen und sich gegebenenfalls daran
beteiligen zu können. Worte dienen dabei zum rationalen Austausch von
Argumenten, können aber auch Emotionen schüren. Letzteres sollte man besser den
Politikern überlassen, die Publizisten sieht Münkler als Anwälte der
Vernünftigkeit.
Vor der politischen Entscheidung sollte die ausführliche
Beratung stehen. Auch diese erfolgt zum Teil via Medien, wenn etwa bestimmte
Überlegungen oder bereits konkrete Vorschläge lanciert und in der Folge
kommentiert und kritisiert werden. Die freie Presse dient insofern der
Entschleunigung von Politik. Zudem ist sie ein Mittel gegen Arkanpolitik; d.h.
sie sorgt für Öffentlichkeit anstelle von Geheimnistuerei hinter verschlossenen
Türen – nicht nur zur Freude der politischen Akteure.
Gefahren für die Meinungsvielfalt
Das sind natürlich allesamt sehr idealistische Vorstellungen
vom Wirken der Medien als „Vierter Gewalt“. Aber sie geben ein Bild vom
mehrfachen Wert einer intakten Medienlandschaft für die liberale Demokratie, um
die man zuletzt sehr besorgt ist. Warum? Einerseits wegen des Aufstiegs
autoritärer Strömungen allerorten, andererseits wegen der Digitalisierung, die
unerwünschte Begleiterscheinungen mit sich bringt, schließlich aufgrund problematischer
Tendenzen in der Medienlandschaft selbst.
Die emotionale Seite der Politik wurde bereits angesprochen.
Mit Demokratie war immer Demagogie verbunden. Ein gutes Argument vorzubringen allein
war stets zu wenig, um politisch erfolgreich zu sein, betont Armin Thurnher. Da
sollte man die Kirche im Dorf lassen. Ein Problem sieht er in erster Linie
darin, dass bei privaten Medien zwei mitunter konkurrierende Grundrechte,
nämlich Meinungsfreiheit und Erwerbsfreiheit, aufeinandertreffen. Finanziert
werden diese Medien zu einem nicht unwesentlichen Teil über Werbung,
und wer will es sich schon mit – realen oder potenziellen – Inserenten
verscherzen und damit an einem Ast sägen, auf dem man sitzt? Analoges gilt
übrigens in Bezug auf die Politik, von der man Förderungen (entweder direkt
oder gleichfalls über Inserate) bezieht. D.h. die Unabhängigkeit der Medien
gibt es vor allem auf dem Papier.
Diese Problematik war natürlich liberalen Theoretikern
bewusst. Deshalb setzte man auf die Pluralität der Meinungen und der Medien, in
denen diese geäußert werden. Aber die ist in Gefahr, wenn private Konzerne
Medien zusammenkaufen, um eine marktbeherrschende Stellung zu erlangen. Oder
wenn sich Net-Giganten aus Prestigegründen bedeutende Leitmedien einverleiben (wie
Jeff Bezos die Washington Post), auch wenn sie die Beibehaltung der
redaktionellen Unabhängigkeit betonen.
Eine Gefahr für die Meinungsvielfalt ist ebenso gegeben,
wenn das Internet Inseratengelder abzieht und dadurch die finanzielle Basis der
Printmedien gefährdet ist. Denn die im Internet verfügbaren Datensammlungen
ermöglichen eine zielgerichtete Werbung und damit weniger Streuverluste für die
Inserenten. D.h. viele Printmedien stehen derzeit finanziell auf sehr
wackeligen Beinen und die Beschäftigung im (traditionellen) Journalismus weist
einen starken Abwärtstrend auf; für Münkler ein deutliches Warnsignal.
Man könnte einwenden, dass sich halt der mediale Diskurs ins
Internet verlagert hat und man nicht so strukturkonservativ dagegen Stellung
beziehen sollte. Doch die digitale Welt folgt eigenen Gesetzen. Hier zählen die
Klicks, und das bedingt eine Aufmerksamkeitsökonomie, der sich auch die hier
tätigen Medien, wollen sie erfolgreich sein, nicht entziehen können: d.h.
reißerische Schlagzeilen, eine entsprechende Auswahl der Themen sowie eine
Reduktion der Textlänge, um die LeserInnen bei der Stange zu halten. Für
ausführliche, fundierte Berichterstattung bleibt da wenig Raum.
Außerdem findet das Gros der digitalen Kommunikation ohnehin
nicht im Rahmen journalistischer Formate statt, sondern auf Online-Plattformen,
die primär von US-Konzernen angeboten und gesteuert werden und die kaum
redaktionellen Beschränkungen unterliegen. Mit der Folge, dass dadurch „Prozesse
der Entzivilisierung und Entrationalisierung“ in Gang gesetzt wurden, so
Münkler; Stichwort Shit-Storms. Zudem wird hier selten gründlich recherchiert,
sondern es werden vielfach unbewiesene Behauptungen in den Raum gestellt,
sofern nicht überhaupt bewusst mit Fake News gearbeitet wird. Vom Publikum werden
diese Berichte aber häufig nicht von konventionellen Medien unterschieden; vermutlich
das Hauptproblem.
Versäumnisse der Medienpolitik
Hier wäre Medienerziehung dringend vonnöten, so der
allgemeine Tenor. SchülerInnen sollen einen Überblick über die
unterschiedlichen Formate gewinnen und erkennen, was diese voneinander
unterscheidet, sie sollten differenzieren zwischen Fakten und Meinungen sowie
lernen, Medienberichte zu hinterfragen. Der Politik wird vorgeworfen,
diesbezüglich säumig zu sein, wohl zu Recht. Dem Bildungsminister ist immerhin
zu attestieren, dass er das Problem mittlerweile erkannt und entsprechende
Initiativen gesetzt hat.
Thurnher sieht aber noch andere Versäumnisse in der
Medienpolitik: Seines Erachtens soll die öffentliche Medienförderung den Markt
korrigieren und nicht die Ungleichgewichte verstärken. Genau das sei aber hierzulande
der Fall. So wurden Radiolizenzen primär an „Zeitungszaren“ vergeben, die zudem
„mit der Politik verbandelt“ sind, auf Bundes- wie auf Länderebene. Der Vizekanzler
will nunmehr die Richtlinien für die Medienförderung ändern und Parteiinserate
abschaffen, daher kampagnisiere eine Boulevardzeitung massiv gegen ihn. Thurnher
schlägt vor, qualitative Kriterien für die Presseförderung zu formulieren und für
die Vergabe eine Kommission nach skandinavischem Vorbild einzusetzen, d.h.
rotierende Mandate mit ausländischer Beteiligung.
Der Falter-Herausgeber bricht zudem eine Lanze für den öffentlichen
Rundfunk. Dessen zentraler Vorteil gegenüber privaten Sendern sei, dass er
nicht gewinnorientiert agieren muss. Das Gros der Finanzierung erfolgt über die
Haushaltsabgabe. Insofern stehe er der aktuell vonstattengehenden
„Gegenaufklärung“ durch Boulevard und digitale Medien, welche die Oligarchie
der Superreichen befestige, noch im Wege. Thurnher sieht darin den Grund für
die derzeitige Kampagne gegen den ORF. Dass sich die öffentlich-rechtlichen
Akteure durch ihr ungeschicktes Auftreten zusätzlich in die Bredouille gebracht
haben und der politische Einfluss dort enorm ist, muss aber auch erwähnt
werden.
Nichtkommerzielle Angebote im Netz fördern
Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass man nicht
zuletzt beim Internet direkt ansetzen sollte, die diesbezüglichen Vorschläge
bleiben aber etwas vage: In der Diskussion mit Herfried Münkler plädierte
Kathrin Stainer-Hämmerle (FH Kärnten) dafür, anspruchsvollere digitale Formate
zu entwickeln und damit Möglichkeiten zu schaffen, auch auf dieser Ebene öffentliche
Diskurse zu führen. In der Diskussion von Armin Thurnher mit Otto Tremetzberger
(Freies Radio Freistadt) wurde angedacht, der kommerziellen Ausrichtung der
meisten Web-Angebote mit einer Art öffentlich-rechtlichem Internet zu begegnen.
Da fehlt mir etwas die Fantasie dafür. M.E. sollte man
zumindest sicherstellen, dass öffentlich-rechtliche Anbieter im Netz weiterhin prominent
vertreten sind; so wie der ORF mit seiner „blauen Seite“, die von den
Zeitungsverlagen schon seit Längerem als unlautere, da kostenfreie Konkurrenz
bekämpft wird (wiewohl manche von ihnen selbst nach wie vor kostenfreie Formate
unterhalten). Gegen die mittlerweile erwirkten Beschränkungen wäre zu
argumentieren, dass mit der Haushaltsabgabe, die ja von allen StaatsbürgerInnen
zu entrichten ist, der Anspruch auf öffentlich-rechtliche Informationsangebote
in allen gängigen Kanälen verbunden ist - und somit auch im Internet. Ebenso wäre
die Förderung nicht-kommerzieller, qualitativ hochwertiger digitaler Angebote
privater Initiativen ein Thema.
Hansjörg Seckauer © 2026
Quellen
Medien und Demokratie. Zur Krise des Journalismus in
Österreich, Vortrag von Armin Thurnher sowie Diskussion mit Otto Tremetzberger,
Central Linz, 11.03.2026
Wie schaffen wir Demokratie? Vortrag und Diskussion mit Jan
Werner Müller und Ruth Wodak, Renner Institut Wien, 25.10.2024
Wieviel Presse braucht Demokratie? Vortrag von Herfried
Münkler sowie Diskussion mit Kathrin Stainer-Hämmerle, Pädagogische Akademie
der Diözese Linz, 19.11.2024
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