Teilhabe statt Jammern

Fritz Jergitsch, der Gründer des Online-Satiremagazin „Tagespresse“, präsentierte am 23. Februar 2026 in der Linzer Thalia-Buchhandlung seine aktuelle Publikation „Heulen hilft uns auch nicht weiter“. Der Untertitel „Populismus verstehen. Freiheit digital neu denken“ sagt, worum es darin geht.

 

Wie vielen ist Jergitsch zum Heulen zumute angesichts der aktuellen Umfragewerte der Rechts­populisten und der politischen Landschaft drumherum, in Österreich wie international. Der gelernte Volkswirt ist darob jedoch nicht in Schockstarre verfallen, sondern hat ein Buch verfasst, in dem er sich auf die Suche nach den Ursachen für den Aufstieg des Rechtspopulismus begibt, um daraus Schlüsse zu ziehen, welche Gegenmittel man ergreifen könnte. Gegen Pessimismus und Resignation will er damit anschreiben, als Verfechter weniger eines wirtschaftlichen, sondern eines politischen Liberalismus, mit den Eckpfeilern Demokratie, Rechtsstaat und Gewaltenteilung.

Zwei Hauptursachen für den erwähnten Trend hat Jergitsch ausgemacht: Vor allem die Globalisierung sieht er als Nährboden für den Rechtspopulismus. Die fortgeschrittene internationale Arbeitsteilung sei zwar ökonomisch vorteilhaft, auch für die KonsumentInnen, aber sozial höchst problematisch, z.B. wegen Lohn­dumpings. Auch die weit verbreitete Landflucht bringt der Autor damit in Zusammen­hang, ebenso wie den Statusverlust, den die von der Deindustrialisierung betroffenen ArbeiterInnen erlitten haben. Denn die sich ausbreitende Dienstleistungsökonomie stellt keine gleichwertigen Arbeitsplätze zur Verfügung. Als regionale Beispiele hierfür nennt Jergitsch die AfD-Hochburgen in Ostdeutschland sowie den „Rust Belt“ im Nordosten der USA, wo viele Trump ihre Stimme gaben.

Populisten profitieren von der „Aufmerksamkeitsökonomie“

Als zweite wesentliche Ursache sieht Jergitsch den veränderten Medienkonsum, insbesondere die Social Media-Nutzung, welche den Konsum traditioneller Medien wie Zeitungen oder Radio insbesondere bei Jüngeren weitgehend abgelöst hat. Damit verbunden: zum einen die Freiheit, dass jede/r alles Mögliche posten kann, zum andern der Wegfall der redaktionellen Kontrolle bezüglich Güte und Wahrheitsgehalt der Informationen.

Gatekeeper gibt es nach wie vor, das sind jetzt die großen digitalen Plattformen. Um Werbekunden zu lukrieren, regiert hier die „Aufmerksamkeitsökonomie“: Die verbreiteten Inhalte sollen primär Emotionen auslösen, Argumente sind sekundär. Die derart programmierten Algorithmen geben den Takt vor, die Politik hinkt mit ihren Regulierungsversuchen hinterher.

Die neuen Medien kommen den Populisten in mehrfacher Hinsicht zupass: bei der Vereinfachung von Problemlagen ebenso wie bei gezielten Provokationen, die Emotionen schüren, bei Anhängern wie bei Gegnern. Zudem fördern die Sozialen Medien das Community Building, die viel zitierten „Blasen“, und den darin fallweise zelebrierten Personenkult, der auch von der Bildkultur im Netz profitiert. Die Verbreitung von Fake News schließlich erleichtert die Delegitimierung von politischen Institutionen sowie das Auslösen des Sündenbockmechanismus; Beispiel Zuwanderung.

An die Macht gelangt, bekommen Populisten allerdings Probleme, weil die von ihnen propagierten einfachen Lösungen in der Regel nicht greifen. Jergitsch verweist hier auf die Zollpolitik Trumps, die kaum dazu beiträgt, wie ursprünglich intendiert Industrien in die USA zurückzuholen, sondern vor allem Vieles für die Bevölkerung teurer macht. Kontrollieren Rechtspopulisten wie in Ungarn jedoch die Medienlandschaft, ist eine Wachablöse schwierig. Hier können die Sozialen Medien ausnahms­weise eine positive Rolle spielen, da sie eine Gegenöffentlichkeit ermöglichen.

Perspektiven schaffen und Partizipation ermöglichen

Was könnte bzw. sollte man gegen die starken rechtspopulistischen Tendenzen unternehmen? Auch darüber hat sich Jergitsch Gedanken gemacht. Er will vor allem weg vom überzogenen Wirtschafts­liberalismus. Nicht alles kann der Markt regeln, mitunter ist ein starker Staat notwendig, etwa um die erforderliche Umverteilung der Steuerlast von Arbeit auf Vermögen zu bewerkstelligen.

In der Wirtschaft plädiert der Autor für mehr Mitarbeiterbeteiligung. Damit könnte es gelingen, die Aufstiegserzählung, welche die Nachkriegszeit prägte, zu reaktivieren. Denn vielen fehlt einfach eine Perspektive bzw. das Gefühl, es durch Arbeit „zu etwas bringen“ zu können.

Teilhabe ist für Jergitsch das Schlüsselwort. In der politischen Sphäre bedeute das mehr direkte Demokratie und mehr Partizipation. Das Thema will er nicht den Rechten überlassen. Volksbegehren in der derzeitigen Form seien nur Placebos. Hier gelte es unter anderem, bereits vorhandene digitale Möglich­keiten zu nutzen und auszubauen, etwa was die Kommunikation mit Parlamentariern betrifft.

Über die konkreten Vorschläge mag man geteilter Meinung sein, Jergitsch hat damit jedenfalls zwei wichtige Ansatzpunkte angesprochen: Die Kluft zwischen den Zuschauern und den Akteuren (bzw. der „politischen Klasse“) in der Mediendemokratie gehört geschlossen und die empfundene Selbstwirksamkeit der Erstgenannten gehört erhöht; daran dürfte kein Weg vorbeiführen.

 

Hansjörg Seckauer © 2026

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